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Nachhaltige Tiergesundheit und Lebensmittelsicherheit im ökologischen Landbau – Bericht vom zweiten Workshop des SAFO -Netzwerks

David Younie und Michael Walkenhorst

Das EU-Projekt SAFO beschäftigt sich mit nachhaltiger Tiergesundheit und Lebensmittelsicherheit. Im zweiten SAFO-Workshop wurden „Möglichkeiten und Grenzen der Tierhaltungspraxis zur Sicherung von Tiergesundheit, Tierwohl und Lebensmittelsicherheit im biologischen Landbau“ diskutiert. 78 Teilnehmer aus 25 Ländern, darunter Vertreter aus tiermedizinischer und landwirtschaftlicher Forschung und Praxis nahmen am Workshop teil. Er fand vom 25. bis 27. März 2004 an der Fakultät für ökologische Agrarwissenschaften der Universität Kassel in Witzenhausen statt.

Das Programm umfasste sechs Vortragszyklen mit insgesamt 25 Vorträgen, zwei Arbeitsgruppensitzungen und den Besuch eines biologisch-dynamisch wirtschaftenden Betriebes mit Schweine- und Milchviehhaltung.

Die Ergebnisse der sechs Vortragszyklen werden im Folgenden kurz zusammengefasst:

1 Aktuelle Situation und zukünftige Strategien der Tierhaltungspraxis im biologischen Landbau

Mette Vaarst (Dänisches Zentrum für Ökolandbau DARCOF,) und Malla Hovi (Universität Reading, Grossbritannien) beleuchteten das Verhältnis zwischen Prozess- und Produktqualität in der biologischen Tierhaltung. Die EU-Bio-Verordnung regelt ausschliesslich die erstere, ohne die Auswirkungen auf die Produktqualität zu garantieren. Tatsächlich könnten einige Vorschriften, wie zum Beispiel die Verpflichtung zur (anteiligen) Freilandhaltung ins Spannungsfeld zwischen Tiergerechtheit und Lebensmittelsicherheit geraten. Die Herausforderung für die biologische Landwirtschaft liegt in der Entwicklung einer biologischen Tierhaltungspraxis, die ein hohes Niveau sowohl der Prozess- als auch der Produktqualität sicherstellt.

Peter Plate aus Grossbritannien präsentierte anhand von Beispielen aus seiner tierärztlichen Praxis, wie die Mastitisproblematik in einer Milchviehherde sowie die Verwurmung in Schafbeständen angegangen wurden. Er machte den Wechsel von Rasse und Zuchtrichtung, die Intensivierung des Managements und die Verwendung interner Zitzenversiegler (Teat Sealer) für die Verbesserung der Mastitissituation des Betriebes verantwortlich.

Neunzig Prozent der Probleme in der biologischen Tierhaltung seien in der mangelnden Umsetzung bekannter Massnahmen und nicht in fehlenden wissenschaftlichen Forschungsergebnissen begründet. Das war die Quintessenz des Vortrags von Uli Schumacher, Biolandwirt aus dem deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen und Vertreter des Bioland-Verbandes.

Die Natürlichkeit ist eine der wichtigsten Grundsätze der biologischen Tierhaltung. Ton Baars (Louis Bolk Institut, Niederlande) stellte zwei Studien vor, die mit der wissenschaftlichen Methode des „Concept Mappings“ anhand von Expertenbefragungen Bedeutungen und Definitionen untersuchten. Dem Begriff „Natürlichkeit“ in Verbindung mit Tierhaltung wurden psychische und physische Gesundheit sowie artgemässes Sozialverhalten der Tiere zugeordnet. Das befragte Expertengremium bestand unter anderem aus Tierärzten, Biolandwirten und Beratern und identifizierte die biologische Landwirtschaft allgemein mit den drei Bereichen Chemiefreiheit, Erhalt des Agrar-Ökosystems und Integrität des Lebens.

2 Einfluss von Weide und Fütterung

Barbara Früh vom FiBL (Schweiz) diskutierte die Vorschrift des schweizerischen Biobauernverbandes BIO SUISSE, nach der ab dem Jahr 2004 Wiederkäuer mit mindestens 90% Raufutter gefüttert werden müssen (zum Vergleich: die EU Bioverordnung fordert lediglich 60 %). Die schweizerische Regelung zielt auf die Verbesserung der Tiergesundheit sowie auf eine besondere Produktqualität ab. So konnten Studien zeigen, dass die auf Basis einer Grünfutterration oder einer Weidefütterung erzeugte Milch einen höheren Gehalt der gesundheitsfördernden konjugierten Linolsäuren und Omega-3-Fettsäuren enthält.

Herve Hoste (INRA, Frankreich) betrachtete den Einfluss, den die Verfütterung tanninhaltiger Pflanzen an kleine Wiederkäuer auf deren Verwurmungsstatus hat. Die vorläufigen Ergebnisse dieses von der EU geförderten Projekts (WORMCOPS) deuten darauf hin, dass sich mit einigen der untersuchten Pflanzen die Verwurmung gut kontrollieren lassen könnte. Aus Sicht der Forschung sei es jedoch noch zu früh, diese Strategie in die landwirtschaftliche Praxis einzuführen.

Hubertus Hertzberg (FiBL, Schweiz) präsentierte ein bereits praxistaugliches Prophylaxekonzept zur Kontrolle von Magen-Darm-Würmern. Durch ein gemischtes oder abwechselndes Beweiden von Futterflächen mit älteren und jüngeren Rindern konnte die Verwurmung deutlich reduziert werden.

3 Problembereiche von Gesundheit und Wohlbefinden von Wiederkäuern

Jos Langhout (Louis Bolk Institut; Niederlande) beschrieb die Erfahrungen von Landwirten, die es Aufzuchtkälbern in Milchkuhherden erlauben ein bis zwei Monate zusammen mit ihren Müttern in der Herde zu bleiben oder einige Monate von Ammenkühen aufgezogen zu werden. Höhere Wachstumsraten der Kälber, verbesserte Gesundheit und verbessertes Sozialverhalten der Milchkühe sowie die Natürlichkeit waren die genannten Vorteile dieses Aufzuchtsystems, welches jedoch noch mit einigen Umsetzungsschwierigkeiten behaftet ist.

Ton Baars (Louis Bolk Institut, Niederlande) und Gidi Smolders (Universität Wageningen, Niederlande) beleuchteten kritisch die häufig mit Tiefstreulaufställen in Verbindung gebrachten höheren Zellzahlen in der Ablieferungsmilch. Sie konnten zeigen, dass es zum einen grosse Unterschiede zwischen den Betrieben gibt und zum anderen die Ursachen bei näherer Betrachtung eher in Faktoren wie z.B. dem Melkmanagement und nicht im Aufstallungssystem zu suchen waren. Beide forderten für zukünftige Studien dieser Art eine ganzheitlichere Betrachtungsweise.

Regine Koopmann von der FAL (Institut für ökologsichen Landbau, Deutschland) in Braunschweig berichtete über eine Studie zu Milchschafen und -ziegen, die einen deutlichen Effekt gastrointestinaler Nematodeninfektionen auf Milchleistung und -qualität zeigte.

In mediterranen Regionen ist es üblich, Rinder sowohl im Sommer als auch im Winter im Stall zu halten, da in diesen Jahreszeiten auf den Weiden nichts wächst. Dieses Vorgehen widerspricht jedoch in gewissen Teilen der EU-Bioverordnung. Andrea Martini (Universität Florenz, Italien) verglich die Endmast von Tieren, die auf der Weide gehalten und gefüttert wurden mit der von im Stall gehaltenen Tieren. Bei den auf der Weide gehaltenen Tieren traten keine Gesundheitsprobleme auf. Sowohl die Leistung, als auch die Schlachtkörperqualität der Weidetiere war besser als die der Stalltiere.

Georgios Arsenos (Universität Thessaloniki, Griechenland) analysierte die Haltungsbedingungen biologischer Schaf- und Ziegenhaltungen in Griechenland, die von grossen Unterschieden gekennzeichnet sind, und gab Empfehlungen zur Weiterentwicklung dieser Systeme im Sinne der biologischen Tierhaltung ab.

Ryszard Kostuch aus Krakau (Forschungszentrum Malopolska, Polen) beschrieb für die Region der Westkarpaten die höhere Produktivität von Umtriebsweide im Vergleich zur Standweide in der Rinderaufzucht.


4 Problembereich Gesundheit und Tierwohl: Geflügel

Unter den Bedingungen des biologischen Landbaus stellt die Geflügelhaltung eine besondere Herausforderung dar. Zahlreiche Probleme in diesem Bereich sind bisher ungelöst. Bas Rodenburg (Universität Wageningen, Niederlande) berichtete über die niederländische Biomasthähnchen Produktion. In einer Feldstudie wiesen die biologischen Herden einen niedrigeren Durchseuchungsgrad mit Salmonellen auf als die konventionellen, wohingegen sich die Situation bei Campylobakter umgekehrt darstellte. In derselben Studie nannten befragte Landwirte als wichtigstes ungelöstes Problem neben der Lebensmittelsicherheit die ausschliessliche Fütterung mit Futter aus biologischem Landbau, die keine ausreichende Proteinversorgung der Masttiere garantiere.

Monique Bestmann (Louis Bolk Institut, Niederlande) kommentierte die höhere Mortalität, die in der biologischen Geflügelhaltung aufgrund von Endoparasitosen und Federpicken zu verzeichnen ist. Sie postulierte, dass unter den derzeit üblichen Aufzuchtbedingungen die Jungtiere ihr Immunsystem nicht ausreichend stimulieren und damit stärken könnten. Sie stellte die natürliche Aufzucht mittels alter gesunder Hennen unter Freilandbedingungen als Alternative zur Diskussion.

Werner Zollitsch (Boku Wien, Österreich) verwies auf die Probleme, die für moderne Geflügelzüchtungen unter den Bedingungen des biologischen Landbaus entstehen. Insbesondere hochleistende Legehybriden und junge Puten seien häufig hinsichtlich essentieller Aminosäuren unterversorgt. Neben dem Einsatz langsamer wachsender Linien seien innovative Fütterungsstrategien gefragt. Eine Lösung könnte in einer verringerten Energiedichte des Futters zu suchen sein.

Die vollständige und gleichmässige Nutzung der Freilaufflächen stellt ein weiteres Problem der biologischen Geflügelhaltung dar. Esther Zeltner vom FiBL (Schweiz) berichtete, dass kleinere Ausläufe mit kleineren Herden besser genutzt werden als grössere mit entsprechend grösseren Herden. Auch das Ausstreuen von Getreidekörnern und die Strukturierung des Auslaufs sind eine Möglichkeit, die Hennen auf der Weide weiter vom Stall weg zu bewegen.

5 Tiergesundheitsmanagement

In einer Studie von Christoph Winckler (BOKU, Österreich) war auf 50 deutschen Biomilchviehbetrieben mit einer durchschnittlichen Laktationsleistung von 6'300 kg Milch eine Mastitisrate von 33% und eine durchschnittliche Tankmilchzellzahl von 267'000 Zellen festzustellen. Im Vergleich zum Boxenlaufstall wiesen die Tiefstreulaufställe eine leicht höhere Mastitisrate auf. Die Lahmheitsrate war jedoch signifikant niedriger.

Britt Henriksen (NORSØK, Norwegen) beschrieb ein norwegisches Pilotprojekt, welches mit einem biologischen Beratungsservice den Status von Gesundheit und Tiergerechtheit in Milchviehbeständen steigern soll. Zehn Betriebe werden hierfür von einem Team aus zwei Fütterungsberatern und zwei Tierärzten betreut.

Die Ergebnisse zweier Studien unterstrichen die Möglichkeit mittels präventiver Strategien sowohl die Eutergesundheit auf Biobetrieben zu verbessern als auch den Einsatz von Antibiotika in der Therapie von Eutererkrankungen erheblich zu vermindern. Michael Walkenhorst (FiBL, Schweiz) stellte ausserdem das aktuelle FiBL Eutergesundheitsprojekt vor, in dem diese Präventivstrategien in Kombination mit komplementärmedizinischer Euterbehandlung auf einer grösseren Zahl an Betrieben eingeführt wird. Dieses Projekt erfolgt in Kooperation mit den Hoftierärzten.

Einer Umfrage von Edda Haas (FiBL, Schweiz) zur Folge beurteilen schweizerische Landwirte, welche nur geringe Kraftfuttermengen einsetzen und Herden mit relativ geringen Durchschnittsleistungen halten, den in der Schweiz teilweise in Stierenkatalogen angegebenen „Ökologischen Gesamtzuchtwert“ als brauchbare Entscheidungsgrundlage. Landwirte mit grossen Herden hingegen, die mit ihren Kühen hohe Milchleistungen erzielen wollen, weisen diesen als weniger brauchbar aus.

6 Zertifizierung von Tiergesundheit und Wohlbefinden der Tiere

Das Wohlbefinden der Tiere kann ein wichtiges „Produkt“ von Tierhaltungssystemen sein, und die Verbraucher sind bereit hierfür einen Aufpreis zu bezahlen. Tina Leeb (Universität Bristol, Grossbritannien) beschrieb ein Schätzsystem zur Beurteilung des Wohlbefindens der Tiere auf Praxisbetrieben, welches auf spezifische Protokolle zur Tierbeobachtung abgestützt ist.

Chris Atkinson von der Schottischen Biobauernvereinigung nannte Möglichkeiten, wie die Beurteilung des Wohlbefindens der Tiere in den Zertifizierungsprozess aufgenommen werden könnte. Dies sei insbesondere vor dem Hintergrund wichtig, dass sowohl die Tiergesundheitsdokumentation als auch die Integration von Tierärzten in das Tiergesundheitsmanagement derzeit eher zu Wünschen übrig lassen.

Aleksandrs Jemeljanovs aus Lettland hob in seiner Präsentation die rasche Expansion der Biotierproduktion in Lettland hervor. Inzwischen sind 550 zertifizierte Biobetriebe registriert, die rund 25'000 Hektar Land bewirtschaften.

Abschliessend stellte Albert Sundrum (Universität Kassel, Deutschland) die Ergebnisse einer Umfrage auf 21 deutschen Betrieben mit Bio-Schweinehaltung vor, wonach auf diesen Betrieben eine hohe Rate an parasitär bedingte Leberschädigungen zu verzeichnen war. Seiner Ansicht nach garantiert die EU-Bioverordnung in diesem Bereich weder einen hohen Standard für Tierwohl noch für die Produktqualität. Ein auf die Produktqualität ausgerichtetes Zertifizierungssystem könne hier Abhilfe schaffen.

In Ergänzung zu den Plenarvorträgen wurden Poster präsentiert und einzelne Themen in Arbeitsgruppen tiefer gehend diskutiert. Identifikation von und Lösungsvorschläge zu Problemen der Gesundheit und des Wohlergehens von Nutztieren auf dem biologisch wirtschaftenden Betrieb standen im Mittelpunkt der Gespräche.